Jerk Götterwind
SUCHT MICH NICHT
Gedichte

Draußen legt sich der erste Schnee des Jahres über das Gebrüll der Stadt, während im Briefkasten der jüngste Output des Südhessen Jerk Götterwind landet. Vom Postboten zielgenau befördert – und zielgenau sind auch
die hier gebotenen Gedichte, die wohl in den letzten zwei Jahren entstanden und keinerlei Zweifel mehr aufkommen lassen: Da hat ein Dichter seinen Stil gefunden. Wobei Götterwind von „Dichtung“ im konservativen Sinne immer noch so weit entfernt ist wie ein  Politiker von der Wahrheit. Womit ein zentrales Thema dieses Bandes auch schon benannt wäre, denn „Nie wieder/ Diese Stadt/ Nie wieder/ Diese Menschen“;
noch immer beschreibt Götterwind ein Leben am Rande, das frei gewählt ist und bewußt, weil alles andere mit
Freiheit nichts zu tun hätte. Immer wieder scheinen Verzweiflung und Armut an Hoffnung durch („Ich habe die Menschheit nie verstanden/ Und lege auch keinen Wert mehr darauf“), um durch Selbstironie und trotzigem Tatendrang seziert zu werden. Und das ist, allmählich angebahnt in den letzten Jahren, neu und gut in einer Dichtung, die sich selbst nicht zu ernst nimmt: „Nach einem Jahr traf ich/ Wieder mal auf meine Nichte/.../Schon am zweiten Tag/.../entfuhr ihr/ Du bist ein häßlicher/ Alter Furz// Und ich war erstaunt/ Daß sie mit ihren vier Jahren/ Bereits über mich// Bescheid wußte.“ Götterwind behält dennoch –oder gerade aufgrund dieser guten Neuerungen in seiner Schreibe- eine klare Frontlinie gegenüber unnötigen Dingen wie Slam Poetry, denn hier schreibt jemand, weil er schreiben muß -–und nicht, weil ein mittelmäßiges Ego gerne auf der Bühne steht. Um es zitiert zu formulieren: „Wir schrieben 1982/ Und das schlimmste/ Stand uns noch bevor.“ Und während draußen der Schnee Ruhe einkehren läßt, nimmt der Rezensent um 14:08 noch einen Schluck um auf das zu warten, was das schlimmste sein wird. Und falls es in Gestalt von Büchern aus Südhessen lauern sollte, werden alle Türen weit gemacht. Lasst Götterwinds Wut in eure Hirne, um dabei weiter zu trinken!
Urs Böke